Tribute to Arno Gruen

 

Kultur der inneren Autonomie - Der Kampf um die Demokratie

 

"Paradoxerweise ist es der Entwicklungsprozess der Wissenschaft, der diese Vorgänge unterstützt hat, Er schuf ein geistiges Klima, in dem die Annahme vorherrschte, dass die Realität der Welt vollkommen mittels abstrakter Begriffe allein beschrieben werden könnte, da diese so erfolgreich im Aufbau der Wissenschaft waren. Dadurch wurde der intellektuelle Vorgang der Abstraktion so generalisiert und emporgehoben, dass diesbezügliche Zweifel oder Infragestellung gleichbedeutend wurden mit mangelnder Loyalität gegenüber dem menschlichen Fortschritt (A. Whitehead, 1925).Die wissenschaftlichen Konzepte beginnend im 17.Jahrhundert nahmen einfach an, dass die ganze Realität durch ihre Methoden beschrieben werden könnte. Das, was nicht auf diese Weise beschrieben werden konnte, wie zum Beispiel unsere moralische Natur und unser existenzielles Bewusstsein wurde einfach von "wissenschaftlicher" Betrachtung ausgeschaltet., (...) Dadurch erhielt die Spaltung zwischen Intelligenz und Gefühl ihre kulturelle Sanktionierung. Die daraus entstehende Verneinung der Gefühlswelt hält an und hindert immer mehr Menschen, ihre Intelligenz auch als Werkzeug der Anerkennung tiefster emotioneller Erfahrungen gebrauchen zu können. Insbesondere in den Sozialwissenschaften - trotz scheinbarer Sorge um unser Erleben -  wird der Prozess der Abstraktion als Mittel, uns von uns selbst zu trennen, immer mehr institutionalisiert. Unter dem Vorwand einer Methodologie, die nicht mit dem menschlichen Erleben zu Rande kommen kann, schafft sie dieses ab."

 

"Immer wieder sind es die Künstler und Außenseiter, die unser Bewusstsein von den Einschränkungen offizieller Ideologien befreien. Colin Wilsons Studie (1956) solcher Außenseiter im literarischen, malerischen und tänzerischen Bereich stellt ihre kreativen Errungenschaften als Kampf gegen die Fesseln einer das Individuum reduzierenden Kultur heraus. Das Eigenartige ist, dass ihre Erfolge meistens später von derselben Kultur als Ausdruck ihrer Förderung beansprucht werden. Es ist aber jedesmal der Versuch, sich nicht durch die Kultur im Gefühlsbereich spalten zu lassen, der es dem Künstler (und Außenseiter) ermöglicht, solche eigenständigen Kräfte zu entwickeln."
 

zitiert aus: Arno Gruen: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. München: dtv.1986. S.52f. bzw. 63.